Sandsturm

Für heute hat der Wetterbericht einen etwas windigeren Tag vorhergesagt. Morgens früh ist davon nicht viel zu spüren. Allerdings ist die Windmaschine zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht hoch genug aufgestiegen. Welche Windmaschine? Die Sonne! Sie wird in der Wüste gerne als Windmaschine bezeichnet. Wenn sie höher steigt und es entsprechend wärmer wird, nimmt der Wind im Tagesverlauf zu, um nach Sonnenuntergang wieder abzuflauen.

Direkt nach dem Frühstück setzen wir unseren Weg zunächst Richtung Westrand des Ergs fort. Das Wetter ist immer noch so schön wie bereits am Vortag, nur ist es am Horizont, wie vorhergesagt, nicht mehr ganz klar und es geht ein leichter Wind. Nichts worüber ich mir zu diesem Zeitpunkt den Kopf zerbreche.

Um die Mittagszeit wird es am Horizont immer dunkler, milchiger. Der Himmel wechselt seine Farbe von blau zu leicht rötlich. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sehr viel Sand in der Luft ist. Kurz danach kommt von Marlis der passende Funkspruch: „Hoffentlich kommen wir nicht in einen Sandsturm“.
Naja, so schlimm wird es schon nicht werden, denke ich mir. Wind hatten wir schon oft in der Wüste, muss doch nicht gleich ein Sandsturm draus werden.

Kurze Zeit später entschließen wir uns trotzdem dazu, die Dünen auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Zumindest ist so der Plan. Die Sicht ist schlechter geworden und der befürchtete Sandsturm wird immer wahrscheinlicher.

An dieser Stelle ein kurzer Blick auf die Satelliten-Karte:

Locus Map Kartenausschnitt aus dem Erg Chegaga

Was hier als blaue Linie zu sehen ist, ist unsere Strecke aus diesem Jahr, die rote Linie ist unsere Strecke aus 2016. Ideal wäre es in unserer Situation gewesen, der roten Linie zu folgen und aus den Dünen raus zu fahren. Das wären ca. 4km Luftlinie gewesen, allerdings nach meiner Erinnerung ohne schwere Dünen.

Leider ist die 2016er Route bei schlechter Sicht nicht eindeutig zu erkennen, so dass wir uns unvermittelt doch vor höheren Dünen befinden. Normalerweise würde ich jetzt aus dem Auto aussteigen, um den weiteren Weg zu Fuß zu erkunden. Normalerweise würde man dabei auch weit genug sehen können. Heute aber nicht!

Die Sichtweite liegt bereits unter 100 Metern. Es ist für uns unmöglich zu erkennen, ob hinter den hohen Dünen das erwartete, gut befahrbare Tal liegt. Wir entscheiden uns dazu, die Dünen südlich zu umfahren. Im nachhinein vermutlich ein Fehler, denn diese Umfahrung misslingt gründlich.

Ein weiterer Blick auf die Karte, etwas weiter rausgezoomt, zeigt unseren Versuch die Dünen zu umfahren und das Ergebnis dieses Versuchs als blaue Linie.

Locus Map Kartenausschnitt aus dem Erg Chegaga

Wir fahren komplett Richtung Süden. Auf der Satelliten-Karte sehe ich die ganze Zeit, dass wir am Dünenrand entlangfahren. Es lässt sich aber bei verminderter Sicht keine Möglichkeit mehr finden, Richtung Westen zu kommen.

Irgendwann ist dann Schluss. Wir sind oberhalb eines Dünenkessels. Die Sichtweite beträgt nur noch maximal 50 Meter. Es ist unmöglich zu erkennen, ob eine Ausfahrt Richtung Süden aus dem Dünenkessel existiert. Wir beschließen stehen zu bleiben, denn so macht eine Weiterfahrt keinen Sinn mehr. Der Wind ist zum Sturm geworden, einzelne Böen schieben die Autos immer wieder wie Spielzeuge nach vorne oder hinten, trotz angezogener Handbremse. Ein sehr merkwürdiges Gefühl.

Über eine Stunde lang beratschlagen wir per Funk, wie wir weiter fahren könnten, oder ob wir den Sturm lieber in den Dünen abwarten wollen. Wir probieren auch einige Dünen aus, landen aber jedesmal wieder in unübersichtlichem Gelände.

Normalerweise sollte sich der Sturm in der Nacht legen. Nur – in der Dunkelheit aus den Dünen rausfahren? Auch nicht einfacher. Was ist, wenn der Sturm sich nicht legt, er die ganze Nacht weiterbläst und wir morgen früh wieder vor derselben Entscheidung stehen und das dann auch noch nach einer Nacht ohne richtigen Schlaf.

So starten wir doch noch einmal einen Versuch. Michael und Jörn erkunden zu Fuß einen möglichen Weg durch den Dünenkessel, der sich dann als gut fahrbar entpuppt. Vorsichtig tasten wir uns weiter über die folgenden Dünen und erreichen nach einer weiteren Stunde endlich das Ende des Dünenfeldes. Wir sind alle sehr erleichtert, dass dieser Teil, den wir unter normalen Bedingungen vermutlich ohne Probleme gefahren wären, hinter uns liegt.

In meiner Tracksammlung finde ich noch eine Spur quer über den Lac Iriki. Ich bin mir sehr sicher, dass diese auch fahrbar ist. Trotz Sicht gleich Null wollen wir ihr folgen. Vom Nordende des Lac Iriki wird es dann sehr einfach sein, bis nach Foum Zguid weiter zu fahren.

Der Sturm geht währenddessen unvermindert weiter. Teilweise erkenne ich gerade noch so das Ende der Motorhaube des Patrol. Kompletter Blindflug! Nur mit Hilfe der GPS-App (Locus Pro) ist es uns möglich, die Linie zu halten. Das Ganze in Schrittgeschwindigkeit. Wichtig dabei: nicht die Gruppe aus dem Blick verlieren!

Plötzlich entdecke ich mitten im Sandsturm die Silhouette eines anderen Fahrzeugs. Als wir näher kommen sehe ich, dass es ein Range Rover mit schweizer Kennzeichen ist. Die Besatzung hat vermutlich beschlossen den Sturm abzuwarten.

Wir bieten natürlich an, dass sie uns folgen können, was nach einigem Zögern dann doch gerne angenommen wird. Als Krönung des Tages fahre ich mich bei dem Versuch zu dem Range zu kommen auf einer Mini-Düne auch noch fest. Tolle Aktion! Mitten im Sandsturm raus aus dem Auto und den Bergegurt am nachfolgenden Wagen festmachen. Ich glaube, so schnell haben wir noch nie ein Auto rausgezogen. Danach ist der Sand überall!

Anschließend tuckern wir zu viert im Schritttempo über den Lac Iriki. Im Rückspiegel sehe ich nur ganz schwach den direkt hinter mir fahrenden Wagen. Die Nebelschlussleuchte wird für den Rest der Gruppe zum hilfreichen Positionslicht. Ohne würde der vorausfahrende Wagen sehr schnell im Sandsturm verschwinden. Da reichen ein paar Meter.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Rand des Lac Iriki und plötzlich haben wir den Sandsturm hinter uns gelassen. Wir können ihn am Horizont noch bewundern. Das sieht schon imposant aus, wenn man nicht gerade mitten drin ist.
Da waren wir durchgefahren! Das war nur mit Teamwork möglich gewesen!

Kurz vor 22 Uhr kommen wir erschöpft aber zufrieden in Foum Zguid auf dem örtlichen Campingplatz an. Dort wird uns sogar noch mitten in der Nacht ein warmes, sehr leckeres Abendessen zubereitet. Auch die warme Dusche ist sehr willkommen, um den Sand abzuspülen. Auf jeden Fall eine Geschichte, die wir vermutlich immer wieder gerne erzählen werden und an die wir alle auch noch längere Zeit denken werden.

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